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"Startseit
Schweinfurt „Der
alte Bahnhof". Blick vom 1903 erbauten Fußgängersteg zum
Personenbahnhof. (Stadtarchiv)
Aktualisiert am: 01.02.2012
Meine
Eindrücke im Krieg bzw. vor und nach dem Krieg,
Zeitzeuge vom 2. Weltkrieg in Schweinfurt.
Übersicht:
In
Schweinfurt: - meine Jahre
als Kind - Schuljahre - bei der Hitlerjugend, genauer gesagt
beim Deutschen Jungvolk.
Von
1944 - 1952 in Niederlauer bei Bad-Neustadt/Saale:
Elternhaus durch Bombeneinschlag zerstört, evakuiert nach Niederlauer.
März 1945 - 1949 Knecht beim Bauern - meine Lehrzeit - sportliche
Aktivitäten in Niederlauer.
Meine
Eindrücke vor und nach dem Krieg bis nach der Währungsreform
1949 als ich 19 Jahre alt war und meine Schreinerlehre
beendet hatte, sind noch sehr stark in meinem Kopf verwurzelt, so dass
es mich bewegt diese Zeit hier auf Papier festzuhalten.
Heute
stelle ich fest, dass die damaligen außergewöhnlichen Ereignisse kaum
mehr allgemein bekannt sind.
Ich möchte meine Erinnerungen genau so schreiben, wie ich sie erlebt
habe.
Dabei habe ich absichtlich auf jede kritische Auseinandersetzung mit der
NS-Zeit verzichtet.
Nicht verheimlichen möchte ich aber auch, dass ich im Spielmannszug
sehr gerne bei der
Hitler-Jugend (Deutsches Jungvolk) war.
So sollen meine Schilderungen einfach ein Beitrag eines Zeitzeugen zum
besseren Verständnis unserer Vergangenheit sein.
In Schweinfurt-Oberndorf
wurde ich geboren.
.
Aufgewachsen als Kind bin ich in der Zeit nach dem Bankencrash 1929.
Mein Vater wurde arbeitslos und musste mit 20 RM (Reichsmark) in der
Woche die Familie mit 4
Personen ernähren.
Nebenbei verdiente meine Mutter ein paar "Kröten" dazu...so
sagte sie immer.
Meine
Kinderjahre!
Wie
alle Kinder, sollte auch ich in den kath. Kindergarten in
Schweinfurt-Oberndorf
gehen, der von katholischen Schwestern in schwarzer Tracht geleitet
wurde. Da fällt mir spontan folgendes Erlebnis ein: Gleich am ersten
Tag wurde ich für irgendetwas bestraft und man stellte mich eine Stunde
lang in einen stockfinsteren Kellerraum mit dem Gesicht an eine Wand und
musste dort ausharren. Ich hatte eine fürchterliche Angst, so dass ich
am nächsten Tag, als meine Mutter mich wieder dort abgeben wollte, ich
mich mit aller Kraft an dem Gartenzaun festklammerte.
Ich
wollte absolut nicht mehr in diesen Kindergarten, wo damals kath.
Schwestern in schwarzer Tracht den Kindergarten leiteten.
Meine
Mutter hatte Einsehen und nahm mich wieder mit nach Hause.
Von nun an brauchte ich nicht mehr dort hin.
Als kleiner Junge spielte ich im Hof des Biergartens.
Nebenan war das Gelände der Eisenbahn- Reparaturwerkstatt. Dort arbeitete ein Schlosser der mich
scheinbar mochte. Ich kletterte oft über den Zaun und dieser Mann
schenkte mir kleine Bleisoldaten so z.B. Reiter, Infanteristen, Fanfarenbläser
usw. die er selbst fertigte. Im Laufe der Zeit hatte ich ein ganzes
Regiment Bleisoldaten einen Musikzug und voraus den Mann mit dem
Tamporstab von ihm geschenkt bekommen.
Ich hatte viel Freude daran.
So
war es nicht verwunderlich, dass ich mich für die Hitlerjugend in
Uniform begeisterte. Meine Mutter klärte mich aber auf, dass ich erst
mit 10 Jahren in das „Deutsche Jungvolk“ aufgenommen werden könne.
Meine
Spielgefährten, bevor ich in die Schule kam, waren damals Heinz
Hofmann, Werner Will und Konrad (Conny) Walther.
Auf
dem Fußgängersteg der von der
Ernst-Sachsstraße zum Hauptbahnhof führte standen wir oft und warteten
bis ein Personen oder Güterzug vorbei fuhr und wir uns im Dampf
der Lokomotive tummelten. Mitunter waren unsere
Gesichter schwarz vom rußigen Dampf.
Der
Hunger gehörte seinerzeit zu meinem Leben.
So
erinnere ich mich, als meine Mutter nicht zu Hause war, dass ich, um in
die Wohnung im 2. Stock zu gelangen, über eine verrostete Dachrinne kletterte und
in das Küchenfenster einstieg. Mit
einer Scheibe Brot in der Hand, ging plötzlich die Tür auf und meine
Mutter kam herein und staunte als sie mich mitten in der Wohnung sah.
Abends kam was kommen musste: Vom Vater bekam ich eine Tracht Prügel.
Wir wohnten in der Gastwirtschaft "Frühlingsgarten" in der
Ernst-Sachsstraße 50. diese Gaststätte gehörte, bezw. wurde
betreut vom "Brauhaus Schweinfurt". Gleich beim ersten
Bomben-Angriff auf Schweinfurt fielen Brandbomben auf das Haus und das
obere Stockwerk brannte aus. Danach
wohnten wir mehrere Wochen in einem Luftschutzbunker mit 2 Familien in
einem engen Raum ohne Fenster bis die Wohnung wieder bezugsfertig war.
1943 wurde der Frühlingsgarten während eines Bombenhagels durch einen
Volltreffer völlig zerstört. An meine Jahre als Kind vor der
Zerstörung des Hauses kann ich mich noch gut erinnern. Meine Eltern
wohnten im 2.Stock, die Familie "Mager" bewirtschaftete das
Gasthaus.
Ein
Bierkutscher, es war Herr "Trautner" vom Brauhaus Schweinfurt, kam 2-mal in der Woche mit seinem Pferdefuhrwerk zum Bier
anliefern und hielt an der Gastwirtschaft. Ich half beim Abladen und
durfte einige Zeit später alleine mit dem
Pferdegespann auf dem Kutschbock sitzen. Eines Tages durfte ich sogar
das Pferdegespann ganz stolz über die Ernst-Sachsstraße, weiter über
die Viehrampe zur nahe gelegenen Eisenbahn-Kantine fahren, die sich im Schweinfurter-Eisenbahngelände
befand. Als Dank bekam ich aus der Kantine ab und zu ein
Wurstbrötchen.
Das war dann für mich immer ein „Feiertag“.
Im Hof war ein großer Biergarten mit vielen alten Kastanienbäumen,
hier war auch mein Spielplatz als kleiner Junge.
Zum
Main hatte ich nicht weit zu laufen. Dort traf ich mich oft mit Heinz
Hofmann der mit seinen Eltern in einem Eisenbahnwagon neben dem
Eisenbahner Sportplatz an der Gerolzhöferbrücke wohnte.
Am
Ufer vom Main machten wir Schwimmversuche und im Frühjahr surften wir
leichtsinnigerweise auf den treibenden Eisschollen.
Auf der anderen Mainseite war das Freibad. Um dort hin zu kommen mussten
wir mit einem Kahn über dem Main fahren. Das kostete einen Groschen den
wir aber nicht hatten. Folgedessen schlichen wir uns über die Gerolzhöfer
Brücke die aber für Fußgänger gesperrt war. Obwohl wir immer nach
der Bahnpolizei Ausschau hielten kam es vor, dass wir flüchten mussten.
Ganz
stolz war ich, als ich zum 1. Mal mit 8 Jahren über den Main schwamm.
Meine
Schuljahre!
1937 wurde ich in die Dr. Ludwig-Pfeiffer-Schule in Oberndorf
eingeschult.
Ein Jahr lang waren kath. Mädchen und Jungens in einer Klasse. Danach
wurden Jungen und Mädchen getrennt. Warum, das erfuhren wir nicht.
Hier
im Pausenhof. "Klein Rudi", vorne, schaut interessiert in die Kamera.
Als
1939 der 2. Weltkrieg ausbrach wurden in der Folgezeit nacheinander die
jüngeren Lehrer eingezogen zur Front. Ständig hatten wir einen neuen
Lehrer und sie wurden immer älter. Deshalb hatten wir keinen normal
aufgebauten Lernunterricht mehr.
Ich kann mich noch an einen Lehrer erinnern der von Lothringen war.
Sein Schlagwort war immer wenn ein Schüler unaufmerksam war:
„Du Lausejunge, Du bist wohl verrückt geworden, Du schreibst 2
Seiten ab für morgen“.

Zwischendurch hatten wir längere Zeit einen vollbärtigen Lehrer mit über
70 Jahren. Was dieser Lehrer am besten konnte waren 6 Stockschläge auf
die Hand oder auf dem strammgezogenen Hosenboden. Die Hände waren nach
den Schlägen pelzig und wir konnten kaum noch den Griffel in die Hand
nehmen.
Im
ersten Schuljahr haben wir noch die „Deutsche Schrift“ geschrieben,
danach kam die Umstellung zur heutigen Schrift.
Als
der Krieg voll im Gang war, hatten wir kaum noch etwas Richtiges zu
Essen. Das Pausenbrot war mit Kunsthonig bestrichen und schmeckte scheußlich.
Meine Mutter musste Brot fechten, weil die Lebensmittelkarten-Rationen
nicht ausreichten. Am Ende des Monates war die Lebensmittelkarte
aufgebraucht und es standen nur noch Pellkartoffeln auf dem Tisch.
Manchmal gab es Salzheringe dazu.
In
unserer Nähe vom Wohnhaus war eine Soldatengruppe mit ihrer
Vierlingsflak auf einem Holzturm.
Bei den Soldaten holte ich fast täglich altes, steinhartes Kommissbrot
das sonst in den Mülleimer landete. Ich hatte ja gute Zähne und ich
wurde wieder mal satt.
Aus
unserer Hungersnot heraus klaute ich auf dem Acker Rüben und
Kartoffeln, auch Nachbars Äpfel mussten dran glauben. Wenn ich nach
Hause kam waren meine ersten Worte: Mama, ich möchte ein Fettbrot oder
Zuckerbrot. Beim Zuckerbrot wurde das Brot unter der Wasserleitung
angefeuchtet und dann Zucker drüber gestreut. Das war meistens mein
Essen tagsüber.
Unser
Spielplatz war auch die Viehrampe in der Ernst-Sachs-Straße. Hier
wurden in regelmäßigen Abständen Panzer und Kriegsgeräte verladen.
Soldaten schickten uns hin und wieder in die nahe gelegene Eisenbahn
Kantine um Bier oder Zigaretten zu holen. So sollten wir wieder Mal für
die Panzersoldaten Bier und Zigaretten holen, als wir mit der
eingekauften Ware zurück kamen war leider der Zug mit den Soldaten
abgefahren. Das tat uns richtig leid.
Schuhe
und Bekleidung waren nur mit Bezugscheine zu haben. Aber den bekam man
nur, wenn man etwas zum Schachern hatte, wie z.B. Zigaretten, Wurst oder
Speck.
Das wiederum hatten aber nur die Bauern. So ging ich vom Frühjahr bis
in den Herbst hinein den ganzen Tag barfuss. Ja auch in die Schule
gingen die meisten Schüler barfuss, ich auch.
Im
Sommer und den ganzen Winter über bis zu meinem 16ten Lebensjahr trug
ich eine kurze Lederhose,
in Bayern genannt auch "Lederarsch". Im Winter trug ich lange
Strickstrümpfe die am Oberschenkel mit einem Einmachgummi befestigt
waren.
Die
Schuhe im Winter waren meist abgelaufen und viel zu klein, deshalb habe
ich immer wieder Frostbeulen an den Zehen bekommen die ständig juckten
und im Schuh gedrückt haben.
Richtige
Spielsachen hatten wir nicht. Ich schnitzte sehr viel mit meinem
Taschenmesser kleine Schiffchen aus Rinde und dgl. Scheinbar wurde mir
das Schnitzen in die Wiege gelegt, denn in späteren Jahren lernte ich
die Bildhauerei.
Beliebt
bei uns war auch das „Landausstecherles“. In einem Viereck wurde das
Messer geworfen, in der Richtung der Schneide ein Strich gezogen, wer am
Ende das meiste „Land“ hatte, hatte gewonnen.
Trotz
dem ständigen Hunger ging es uns aber relativ gut bis der erste
Bombenangriff im Frühjahr 1943 auf
Schweinfurt folgte.
Auf
dem Haus in dem wir wohnten vielen Brandbomben und unsere Wohnung
brannte aus. Einige Wochen lebten wir danach im Bunker (Schutzräume bei
Fliegerangriffen) bis die Wohnung notdürftig in stand gesetzt war.
Die
Flakstellung bei Oberndorf mit Blick zum Wasserturm am Bergl.
7 Flakhelfer und 4 Soldaten starben hier in der Nacht am 25. Februar
1944
Nun lagen fürchterliche Jahre vor uns, ständig auf dem Sprung bei
Bombenalarm. Fast jede Nacht heulten die Sirenen und wir rannten halb
angezogen aus dem Haus zu dem uns zugeteilten Schutzbunker. Oft hörten
wir die Bombengeschwader über unsere Stadt hinweg ziehen und waren
froh, dass die Bombenladung nicht über uns abgeworfen wurde. Es kam
auch vor, dass ich beim Bombenalarm nicht wach wurde, da packte mich
meine Mutter unter ihrem Arm und schleppte mich zum Bunker.
Zum
Schutz von Gasbomben wurden Gasmasken an die Bevölkerung verteilt, die
in unserem Notgepäck sein sollten.
Nach
einem Angriff standen Stadtteile verhüllt in Rauch, ganze Häuserreihen
waren dem Erdboden gleich gemacht. Überall ertönten Hilferufe von
Verletzten die teilweise noch unter den Trümmern begraben waren. Sanitäter
suchten nach Verletzten und bargen die Toten die neben den Trümmern
abgelegt wurden.
Im Nachbarhaus kam meine Spielgefährtin „Lydia“ ums Leben. Danach
war ich sehr traurig.
Aufräumarbeiten
nach Bombenangriff.
In
einer lang gezogenen Baracke an der Gerolzhöfer Eisenbahnbrücke
wohnten mehrere Familien mit Kindern. Eine Bombe schlug beim Angriff
1943 in diese Baracken ein und ich habe nach dem Angriff mit angesehen,
wie man viele Tote, darunter auch Kinder, auf einem Lastwagen geladen
hat.
So viele Tote auf einem Haufen habe ich nie mehr gesehen. An solchen
Tagen haben wir keine Lust mehr zum Spielen gehabt.
In der Schule, aber auch beim Spielen, kam kein Lachen mehr auf. Alle
Menschen waren mehr oder weniger traumatisiert von den schrecklichen
Geschehnissen.
Mein
Vater hatte den 1. Weltkrieg bei der Kavallerie kriegsbehindert überstanden
und musste deshalb nicht an die Front. Er war als Sanitäter in der
Rettungsstelle in Schweinfurt eingesetzt und betreute nach einem Angriff die vielen
Verletzten.
Nebenan mein Vater bei einer Veranstaltung im 1. Weltkrieg.
Bei dem "Deutschen Jungvolk"!
Seit
meinem 10. Lebensjahr war ich als Kind bei der Hitler Jugend (HJ), genauer gesagt beim
Deutschen Jungvolk (DJ). Ein richtiger Hitler Junge war man erst an 14
Jahren bis zum 18.Jahr. Also nach der Schulentlassung.
Ich selbst war nur 3 Jahre beim Deutschen Jungvolk. Als ich 13 Jahre alt
war wurden wir bei einem Luftangriff auf Schweinfurt total ausgebombt
und unsere Familie wurde evakuiert nach Niederlauer in der Rhön. In dem
kleinen Bauerndorf gab`s keine Hitlerjugend bezw. Deutsches
Jungvolk.
Meine 3 Jahre ältere Schwester war bei der BDM (Bund deutscher Mädchen).
Als
beim ersten Angriff die Bomben fielen waren wir bei einem
Langstreckenschwimmen im Main.
Rings um uns herum waren die
Bombeneinschläge. Wir schwammen schnell ans Ufer und versteckten uns
hinter Weidenbüschen, in dem Glauben wir wären da sicher.
Gerne denke ich an die Zeit im Deutschen Jungvolk zurück. Ich war
anfangs im Fanfarenzug, wechselte nach einigen Wochen aber zum
Spielmannszug. Da war mehr Abwechslung und nicht nur das
bum.bum..bumberumbumbum. Wir Musiker hatten eine Sonderstellung im Fähnlein
8. Wenn die anderen Pimpfe exerzierten übten wir neue Märsche.
Und
wenn unser Fähnlein 8 andere Fähnlein wieder Mal besiegt hatten bei
einem Wettkampf, dann rief unser Zugführer laut:
"Fähnlein 8 hat`s gemacht und alle Pimpfe dann laut: "Frundsberg ahoi"
An eine
politische Beeinflussung erinnere ich mich nicht.
Im Gegenteil, das Interesse vieler
Jugendlicher innerhalb der Hitler-Jugend wurde geweckt durch
verschiedene Aktivitäten wie Reiter-, Motor-, Flieger- und Nachrichten-HJ, auch Spielmannzüge fanden regen Zulauf. In diesen Gruppen stand die
Technik und fachtypische Ausbildung im Vordergrund
Die HJ wurde 1926 als Jugendorganisation der NSDAP
gegründet und wurde 1933 aufgegliedert in Hitler-Jugend (HJ) einerseits
und dem Deutschen Jungvolk (DJ). Dem Jungvolk gehörten die 10 bis 14-jährigen
an, der Hitler-Jugend die 14 bis 18-jährigen Jungen.
Alle 10 bis 18 jährigen Mädchen und Jungen hatten
seit 1939 an den Veranstaltungen der HJ gesetzlich geregelt
teilzunehmen.
Das Jungvolk wurde auch als "Pimpfe"
bezeichnet. Die
Veranstaltungen der
Hitler-Jugend gliederten sich in Heimabende, Sportnachmittage,
Tagesfahrten, Zeltlager, Feierstunden und Sportfeste auf. Die Schulungen
fanden auf den Heimabenden statt und waren geschlechtsspezifisch
differenziert.
Die
Mitgliedschaft in der Hitler Jugend war für jeden deutschen Jungen
Pflicht, ganz selten gab es Verweigerungen oder Ausnahmen. Als ich 1940
in das Jungvolk eingegliedert wurde, trug ich ein braunes Uniformhemd,
schwarze kurze Hose mit Koppelriemen und Schloss, dazu einen
Schulterriemen.
Alles begann sehr militärisch mit Strammstehen und Abzählen. Dann
folgte meist eine theoretische Schulung über weltanschauliche oder
militärische Themen. Geleitet wurde die Schulung von unserem Zugführer
Otto Weidling
Er ließ uns viel singen und oft wurden neue Marschlieder einstudiert.
Wenn wir zu Übungen ins Gelände gingen, marschierten wir singend durch
die Stadt.
In der Hitlerjugend wurde auf die Organisation der Jugendlichen viel
Wert gelegt. Im Alter von zehn Jahren wurde unser Schuljahrgang 1930/31
komplett in das Jungvolk aufgenommen. Nach vier Jahren erwartete uns
die Hitler-Jugend (HJ), danach der Reichsarbeitsdienst (RAD) und
anschließend die Wehrmacht.
Aufbau
eines Zeltlagers in der Nähe von Schweinfurt.
In den letzten Kriegsjahren wurde die Hitlerjugend ab dem 14/15ten
Lebensjahr zur Wehrmacht eingezogen.
Die Organisation war bis auf das Kleinste durchdacht, die Führerhierarchie
stufenweise mit Rängen und Rangabzeichen aufgebaut: Der Bann waren alle
8 Fähnlein in Schweinfurt, das Fähnlein 8 die Jungvolkgruppen von
Schweinfurt- Oberndorf.
Als "Pimpf" trug ich die einfache Uniform. Ältere Pimpfe trugen bereits ein Rangabzeichen – eine Kordel an der
linken Schulter.
Die Rangfolge lautete: Pimpf ohne Rangabzeichen, Jungenschaftsführer
Rot-weiße Kordel, Zugführer grüne Kordel, Fähnleinführer grün-weiße
Kordel.
.
Gegenüber höheren Rängen bestand strenge Gehorsams und Grußpflicht,
der "Heil-Hitler" Gruß. Dieser Gruß war in ganz Deutschland
der Pflichtgruß.
An den Sommerabenden ließ uns unser Zugführer oft vom Jugendheim zum
Sportplatz in Oberndorf marschieren.
Dort wurden meist Geländespiele durchgeführt. Wir wurden in Gruppen
eingeteilt, die sich dann gegenseitig als Feinde ansahen und bekämpfen
mussten. Jedem wurde ein blauer oder roter Wollfaden um das Handgelenk
gebunden. Eine Gruppe verschwand mit Zeitvorsprung im Unterholz des
nahen Mains und versuchte, sich dort zu verbergen. In Taschen und Körben
sammelten wir Tannenzapfen sowie auch Kastanien. Das war unsere
Munition gegenüber unserem angreifenden Feind.
Auf lauten Pfiff hin begann der Angriff der anderen Gruppe und damit
ein Kampf von Mann zu Mann, bei dem es um den farbigen Wollfaden, auch
Lebensfaden genannt, ging. War dieser erbeutet, so musste der
Unterlegene den Kampf aufgeben und wurde zum Gefangenen.
Daraufhin
wurde zum Appell gepfiffen, die Sieger wurden gelobt und geehrt, die
Verlierer mitleidig belächelt, manchmal auch verspottet.
Oft folgte eine Belehrung über den Sinn des Kampfes im Krieg wie im
Frieden. Es hieß dann: Da der Stärkere ein größeres Lebensrecht als
der Schwächere habe, müssten wir die Stärkeren sein.
Das Hitlerzitat über die deutsche Jugend wurde unzählige Male zitiert:
"Hart wie Kruppstahl – zäh wie Leder - flink wie die
Windhunde"...
sollte der deutsche Hitlerjunge sein.
.
Unser Zugführer mit 2 Pimpfe.
Meine
2 besten Freunde zu dieser Zeit waren Hans Schwarz
und Fred Reichenberger die gleichzeitig zu dieser Zeit mit mir
zusammen im Spielmannszug waren. Fred hatte die Querpfeife, Hans und ich
die
Marschtrommel.
Eines
Tages sammelten wir uns am Fußgängersteg zum Hauptbahnfof
für
einen Marsch durch die Adolf-Hitler-Straße
zum Marktplatz, so war seinerzeit die heutige Spitalstraße genannt. Ein
älterer Straßenfeger kam auf uns zu und sagte, er wollte doch auchmal
trommeln. Er durfte uns vorspielen und mit Erstaunen stellten wir fest,
es war ein „Könner“.
Der Vater von unserem Zugführer war der einflussreiche Kreisleiter von
Schweinfurt, der bestellte diesen Mann 2-mal in der Woche als Übungsleiter
ins Jugendheim
Bei
den großen Aufmärschen in der damaligen Adolf-Hitler-Str.
vor dem Kreisleiter und anderen Prominenten, mussten wir vorneweg
marschieren und schwenkten gegenüber der Prominenz ein um alle 8
Fähnlein vorüber ziehen zu lassen.
Es war eine schöne Zeit. Wir waren in Zeltlagern und Freizeitlagern.
Auf dem Sportplatz vom TV Schweinfurt- Oberndorf hatten wir
leichtathletische Wettkämpfe. Bei einem
5 km Geländelauf war ich der einzige Pimpf der mit dem Zugführer aber
auch mit starken Seitenstichen im Ziel ankam. Wie es die Zeit will, in
meinem späteren Leben war ich erfolgreicher Langstreckler bei Bayer 05
Krefeld-Uerdingen.
Oft
wurden auch Boxkämpfe durchgeführt. Die 2 stärksten in der
Schulklasse mussten immer gegeneinander boxen, das war Walter Weid und
ich. Meist war der Kampf unentschieden.
In
den Sommerferien 1943 waren wir im KLV-Lager (Kinderlandverschickung)
auf der Bettenburg bei
Hofheim (Hassberge). Der gut erhaltene alte Rittersaal war unser
Essraum. Ringsum an den Wänden waren Fresken von Rittersleuten. Auch
das Verlies mit der ehemaligen Folterkammer fand unser Interesse.
In
den Stockwerkbetten waren Strohsäcke eingelegt. Auf den Zimmern
schliefen etwa 8-10 Jungens.
Eines
Abends, wir waren gerade im Bett gelegen, raschelte es in einem
Strohsack. Alle waren sofort hellwach und der Strohsack in dem es
raschelte war auch gleich ausgespäht.
Wir stellten fest, in diesem Strohsack hatte sich eine Maus versteckt.
Nun zerrten wir den Strohsack auf den Fußboden und strampelten mit
mehreren Jungens darauf rum bis sich nichts mehr bewegte.
Ans Einschlafen war danach nicht gleich zu denken, alle lauschten ganz
still, es könnte ja noch eine Maus im Zimmer sein.
In den Nächten bei den Bombenangriffen auf Schweinfurt standen wir auf
der Burgmauer
und sahen mit bewegten Gesichtern die vielen Scheinwerfer am Himmel über
Schweinfurt. Starker Rauch stieg auf unter den Lärm der explodierenden
Bomben. Still und nachdenklich gingen wir danach auf unsere Zimmer in
Gedanken an unsere Eltern die ja in Schweinfurt wohnten.
Wir
hatten eine „Lagermutti“ die wir alle mochten, weil sie uns sehr
zugetan war.
Nach vielen Jahren las ich in der Zeitung, dass Frau Weschenfelder, also
unsere ehemalige Lagermutti, 100 Jahre alt geworden ist. Ich besuchte
sie ein paar Tage später in einem Altenheim in den Haßbergen und überreichte
ihr Blumen. Ein paar Bilder von der Bettenburg aus der alten Zeit hatte ich auch dabei,
sie konnte sich
an
viele Begebenheiten erinnern und freute sich sehr. .
"Burgfest 2009
auf der Bettenburg, ehemalige Schüler waren anwesend".
Mittlerweile war unsere Schule in Schweinfurt von den Bomben zerstört.
Die Ferien waren um und unsere Klasse wurde in einer Gastwirtschaft in
Oberlohrgrund im Spessart
verlegt. Ich erinnere mich, fast jeden Tag gab’s Griesbrei oder
Reisbrei mit Zucker und Zimt darüber gestreut. Als Gemüse mussten wir
junge Brennnesselblätter pflücken. Der Unterricht war im Gastraum das
war zugleich der Essraum. Im Sommer gingen wir zu Fuß in das 6 km
entfernte Freibad nach Heigenbrücken. Der schneereiche Winter machte
uns viel Freude. Mit Fasstauben, wie Luis Trenker, unternahmen wir die
ersten Ski Versuche.
Ich erinnere mich an unserem Friseur in Heigenbrücken. Der schnitt
nicht nur unsere Haare, sonder zog auch Zähne ohne Betäubung mit einer
ganz normalen Beißzange. Wir konnten sogar zusehen.
Ausgebombt
nach Niederlauer!
Am 17. August 1943 wurde unser Wohnhaus bei einem Volltreffer total zerstört. Schweinfurt war bis Kriegsende
bis zu 80% zerstört. Wir hatten nur das was wir auf dem Leib trugen.
Meine Eltern wurden nach
Niederlauer bei Bad-Neustadt/Saale evakuiert und in einem Bauernhof
untergebracht. Ich wurde vom KLV-Lager Oberlohrgrund 1944 nachgeholt.
Nun wohnten wir in einem Dorf, auf einem Bauernhof
und hatten wieder nichts zu essen, obwohl die Grundnahrungsmittel wie
Mehl, Milch, Butter, Gemüse, Kartoffel usw. im Überfluss da waren.
Die Dorfbevölkerung sträubte sich uns „Ausgebombten“ zu
akzeptieren. Meine Mutter musste auch hier wieder um Brot betteln.
Regelmäßig waren in Niederlauer Schlachttage bei den Bauern. Bei
einigen Bauern konnte meine Mutter mit der Alu-Milchkanne Gretelsuppe
holen. Als dann meine Mutter nach Hause kam war sie enttäuscht, weil
die Bäuerin das Fett vorher abgeschöpft hatte. Obwohl in dieser Suppe
ja die Wurst gebrüht wurde, hatte kein Bauer Mal ein Leberwürstchen
drinnen gelassen.
In
den Bauernhäusern war seinerzeit noch keine Wasserleitung, man musste
ein ganzes Stück laufen um am Dorfbrunnen mit dem Eimer Wasser zu
holen.
Auch Toiletten gab's nicht in den Wohnhäusern. Das Aborthäuschen war
neben dem Misthaufen im Hof.
Es ist die Zeit nach dem
Krieg bis zur Währungsreform. Unmittelbar nach der
Kapitulation brach auch die Versorgung vor allem in den großen Städten
so drastisch zusammen, dass die Stadtbevölkerung nichts mehr zu Essen
hatte. Wenn in den Städten auch viele Häuser zerstört waren, so hatten die
Geschädigten doch einige Habseligkeiten retten können. Mit diesen
Sachen ging man aufs Land, um sie gegen Brot, Milch Speck, Fleisch, Wurst usw.
einzutauschen.
Die
Bauernfamilien gingen am Sonntag mit bester Bekleidung zur Kirche. Wir
mussten uns fast schämen mit unserer alten abgetragenen Kleidung. Im
Sommer ging ich barfuss in die Kirche. Na klar, Bauern hatten mit ihren
Nahrungsmitteln alle Möglichkeiten Kleider, Schuhe und Zigaretten zu
tauschen.
Sonntags, auf dem Wege zur Kirche konnte man beobachten, wie
Bauersfrauen am Pfarrhaus klingelten und ein Päckchen Schinken, Butter
und dgl. für den Pfarrer unter ihren Röcken hervor holten.
Wir
kamen uns vor wie Menschen 2. Klasse in Niederlauer. Diese Begebenheit
habe ich nie mehr in meinem Leben vergessen.
In
Schweinfurt hatten wir nicht viel gelernt da die Lehrer mitten im
Schulunterricht an die Kriegsfront geschickt wurden. Mein letztes
Schuljahr mit
der 8. Klasse habe ich in
Niederlauer beendet.
Es gab hier nur 2 Klassenräume. In dem einen Raum waren die Klassen
vom 1. bis zum 4. Schuljahr und im anderen Raum die 5. bis 8. Klasse.
In
Folgedessen habe ich im letzten Schuljahr auch nicht viel dazu gelernt.
Meine Weiterbildung habe ich in den späteren Jahren in Eigeninitiative
vorangetrieben.
Es
herrschte noch Krieg, in der Nähe von Niederlauer war ein
Gefangenenlager der Russen. Obwohl es unsere Feinde waren, war ich oft
am Zaun und gab den Gefangenen von mir aufgesammelte Zigarettenstumpen
und hin und wieder auch mal ein Stück Brot. Das durften die Aufseher
aber nicht sehen. Als Gegenleistung bekam ich ein von den Gefangenen
selbst hergestelltes Taschenmesser welches aus einem Sägeblatt von
einer Gattersäge hergestellt wurde. Tagsüber waren diese Gefangenen in
einem Sägewerk beschäftigt.
Die alliierten Bombengeschwader zogen nachts über das Dorf hinweg und
warfen ihre leeren Reservetanks ab. Es
waren längliche, ovale Blechkanister mit einer Länge von ca. 3 m. Mit
Hammer und Meisel hämmerten wir ein rundes Loch in den Tank,
beschwerden den Tank mit Steinen und baddelten damit in der Lauer und
Saale.
In
den Sommerferien musste ich bei der Ernte bei den Bauern helfen. So auch
beim "Dreschen".
Für diese 6 Wochen Feldarbeit von morgens bis abends spät bekam meine
Mutter am Ende 25 kg Mehl. Das war alles.
Nachdem
das Getreide im Spätsommer eingefahren war, musste es noch gedroschen
werden.
Es gab in Niederlauer seinerzeit nur eine große Dreschmaschine,
die wurde mit etwa 20 Mann von einem Hof zum anderen gezogen. Beim
Dreschen halfen sich die Bauern gegenseitig. Meistens dauerte das
Dreschen nur einen Tag. Bei den reichen Pferdebauern auch 2 Tage.
Die
jungen Männer waren nach Kriegsende alle noch in Gefangenschaft.
Deshalb musste ich mit meinen gerade mal 14 Jahren die schweren
Doppelzentnersäcke gedroschenen Getreide
von der Scheune ins Bauernhaus hoch auf dem Speicher unters Dach
schleppen.
Das war absolute Schwerstarbeit für einen 14-jährigen, aber ich war trotzdem stolz,
dass ich diese schwere Männerarbeit verrichten durfte.
Zwischen dem Dreschen war 2-mal Brotzeit. Es gab extra für das Dreschen
gebackene Brötchen mit reichlich Wurst (rot und weißgelegten Pressack)
und Käse. Wurst... Käse... der ganze Tisch war voll gedeckt. Meine
Augen liefen über...
Alle Helfer haben schon aufgehört zu Essen, ich war ja ausgehungert und
ich aß und aß. Die Bauern und vor allem die Bäuerinnen schauten
erstaunt mir zu. Es war mir egal. Ich wusste ja, morgen gibt es wieder
"Kunsthonigbrot". Am Ende waren es annähernd 10 Brötchen
dick belegt mit Wurst und Käse, die ich mir einverleibte.
In
Niederlauer gab es eine "Freiwillige Feuerwehr", es war aber
Pflicht für jeden Bürger an den Löschübungen teilzunehmen.
Ostern
1945 wurde ich mit 14 Jahren aus der Volksschule entlassen. Tage vorher
kamen die Granateneinschläge der amerikanischen Panzer immer näher. Plötzlich
sahen wir die Panzer auf das Dorf zurollen.
2 blutjunge Soldaten, sie wollten sich noch das EK I für Adolf Hitler
verdienen, liefen mit ihren Panzerfäusten den Panzern entgegen. Sie
verschanzten sich am Ortseingang hinter einem Holzstabel.
Als wir nach
dem Einmarsch der Amerikaner zu den Soldaten hin kamen, waren beide tot.
Der eine Soldat hatte einen Herzschuss durchs Soldbuch hindurch, beim
anderen war durch ein Explosivgeschoss der halbe Kopf weggerissen. Das
Gehirn war an die Balken verspritzt.
Ein Kriegsgefangener Pole schwenkte
die weiße Fahne, dem Zeichen keinen Widerstand zu leisten.
Das halbe Dorf musste geräumt werden und die Bevölkerung wurde in den
verbleibenden Häusern einquartiert.
Es dauerte etwa eine Woche bis die
amerikanischen Soldaten wieder weiter zogen.
Ich hatte zu dieser Zeit einen Lehrvertrag als technischer Zeichner bei
der VKF (Vereinigte Kugellager Fabrik) in Schweinfurt. Zu dieser Zeit zog der Amerikaner in Bayern ein und der
Krieg war aus.
In Schweinfurt wurden sämtliche Maschinen demontiert und
ins Ausland verfrachtet.
Mit meinem Lehrvertrag in der Tasche konnte ich
eine Lehrstelle in
Schweinfurt nicht bekommen, es war aussichtslos.
Nach meiner Lehre als technischer Zeichner wollte ich weiter die Schule
besuchen, mein Ziel war vielleicht Architekt oder Bauingenieur.
Arbeit
als Knecht beim Bauer!
Weil es mit einer Lehrstelle nichts wurde, sagte mein Vater deshalb zu
mir, "einen Faulenzer zieht er nicht groß" und so schickte er mich zu
einem Dorfbauer und dort arbeitete ich als Bauernknecht. Hier arbeitete ich seit meiner
Schulentlassung das ganze Jahr über nur fürs Essen.
Ich war den ganzen Tag auf dem Acker mit allen Arbeiten die auf dem Feld
in einer Landwirtschaft zu der damaligen Zeit anfielen. Die heute üblichen
Landwirtschaftmaschinen gab's seinerzeit nicht.
So
musste das Unkraut zwischen den Saatreihen mit der Hacke von Hand
entfernt werden, das Getreide und Gras mit der Sense geschnitten werden,
die Kartoffeln wurden von Hand gelesen, der Stallmist von Hand auf dem
Acker verstreut
und einige Arbeiten mehr die heute alle mit Maschinen verrichtet werden.
Morgens um 6 Uhr musste ich die Kühe füttern, danach arbeitete ich auf
dem Feld sowie auch im Stall und Scheune, alles ohne Schuhe, also
barfuss. So war es nur eine Frage der Zeit bis eines Tages eine Kuh mich
beim Pflügen auf meinen nackten Fuß trat, was sehr schmerzte und
dachte, der Fuß ist jetzt sicher platt.
Obwohl meine Fußsohlen voller Hornhaut waren, konnte ich abends einige
Zeit damit verbringen die Disteldornen an den Füßen zu entfernen.
Ungewohnt
für diese Arbeiten als 14 jähriger kam ich abends hundemüde vom Feld
zurück.
An Feierabend war aber noch nicht zu denken, denn die Kühe musste ich
ja auch noch füttern.
In
Niederlauer war zu meiner Zeit die "Fronarbeit" für jeden Bürger
Pflicht. Es mussten 70 Stunden im Jahr pro Einwohner Dorfarbeit
geleistet werden.
Es gab einen so genannten "Dorfschreier", er hieß "Käse-
Kilian", der lief durchs Dorf mit einer Glocke in der Hand und rief die
neuesten Nachrichten aus. So z.B.: "Morgen geht's naus die
Flur". Wer Zeit hatte nahm diesen Termin war um seine Stunden ab
zu arbeiten. Ich erinnere mich, dass ich meine Stunden auf der Dorfstraße
beim Steine klopfen abgeleistet habe. Asphaltstraßen gab es nicht im
Dorf.
Der Gemeindeschreiber notierte die unentgeltlich geleisteten Stunden.
Kaum jemand im Dorf hatte seinerzeit einen "Volksempfänger"
und TV gab's erst viele Jahre später.
Während
des Krieges bis nach der Währungsreform 1949 fuhren die Lkws wegen
Spritmangel mit Holzvergaser. Hinter dem Führerhaus war ein großer
Kessel montiert der mit klein geschnittenem Holz gefeuert wurde.
Dementsprechend langsam waren diese Fahrzeuge.
Oben
an einem Berghang war ein Wassergraben der sogenannte
"Hühnergraben". Hier luden die Amys mit ihren Lkw's fast
stündlich ihren Müll ab.
Wir Jungens waren täglich dort und wühlten im Müll nach essbaren
Lebensmittel. Halbverfaulte Orangen und Bananen, Geschirr und sogar
meinen ersten Fotoapparat nahm ich mit nach Hause.
Hier im Müll sah ich zum ersten Mal Bananen und Orangen in meinem Leben.
Meine
Lehrzeit
Anschließend im Herbst 1945 ging mein Vater mit mir zum Arbeitsamt nach
Bad-Neustadt um für mich nach einer Lehrstelle anzufragen. Es waren nur
2 Stellen frei. Eine Spengler-
und eine Schreinerlehrstelle.
Mit Blech arbeiten wollte ich nicht dann lieber mit Holz. Und so lernte
ich in Bad-Neustadt Schreiner obwohl mir was anderes vorschwebte.
Das Kriegsende hat mir all meine Pläne und Weichen für mein späteres
Leben versaut.
Die
7 km von Niederlauer nach Bad-Neustadt zu meiner Lehrstelle legte ich in
meinen Lehrjahren zu Fuß zurück. Jeden Tag 14 km. Später hatte ich ein
altes Fahrrad ergattert mit abgefahrenen Reifen. Der Reifen auf der
Felge war unterlegt und übergelegt. Bei jeder Radumdrehung flutschte
die Überlage mit Geräusch durch die Gabel und das Rad hoppelte auf dem
Pflaster.
Im ersten Lehrjahr bekam ich 3 RM (Reichsmark) im zweiten Jahr 5
RM und im dritten Lehrjahr 7 RM die Woche.
Meine Lehrstelle war alles anderes als rosig. In den ersten 2 Jahren
fertigte ich nur Särge, weil die Schreinerei auch Beerdigungen machte.
Die Frau von unserem Meister war Hebamme, sie brachte die Kinder zur
Welt und ihr Mann wieder unter die Erde. Unser Lehrmeister schon über
65 Jahre war ein richtiges Bist. Wo er uns schikanieren konnte tat er es
auch.
So hatten wir normalerweise Samstag um 13 Uhr Feierabend, kurz vor
Schluss fehlte auf einmal ein Fräsmesser. Er lies uns bis abends 18
Uhr suchen und schimpfte uns aus. Das tollste, am Montagmorgen wenn wir
für die Frau des Meisters Holz und Kohle in die Küche auf der ersten
Etage brachten, lag das Fräsmesser auf der Fensterbank und weil ich
diesbezüglich etwas zum Meister gesagt habe bekam ich eine Watsche.
Schläge gab's immer wieder auch für Kleinigkeiten.
Im Sommer mussten wir Lehrlinge oft auch im Garten arbeiten, Umgraben,
Unkraut schuffeln, Kartoffel ernten usw.
Meine Mutter ging immer noch Brot im Dorf fechten und ich mit meinen 16
Jahren hatte immer noch keine
richtige Kleidung und lief immer noch mit meiner alten kurzen speckigen
Lederhose herum.
Neidisch sah ich täglich auf Valentin den Bauersohn, der mit mir in der
Lehre war, wie gut er angezogen ankam und in unserer Mittagszeit seine
Butterbrote mit weißem Pressack belegt, verzehrte.
Und ich kaute an meinem „Kunsthonigbrot“…
Meine
Lehrzeit war 1949 zu Ende.
Sportliche
Aktivitäten in Niederlauer!
.
Mit 14 Jahre wurde ich von dem Fußball-Vereinvorsitzenden des TV von
Niederlauer animiert in der
1. Mannschaft Fußball zu spielen. Von den älteren Spielern waren noch
viele in Gefangenschaft.
Mit meinem Mitspieler Fritz Braun verstand ich mich von Anfang an sehr
gut. Er war kein Bauernsohn, im Laufe der Zeit wurden wir sehr gute
Freunde.
In
Niederlauer waren mein Freund Fritz und ich die ersten die nach der Währungsreform
ein Motorrad kaufen
konnten.
Fritz 1950 und ich 1951. Beide fuhren wir eine 250er Triumph mit
Doppelkolbenmotor.
Sie hatte 18 PS und war 118 km schnell.
Mein
erster gemeinsamer Motorrad Urlaub mit Fritz war die Hochalpenstraße
vom Bodensee zum Königsee. Unser Zelt zum Übernachten bauten wir uns
aus 3 Dreieckplanen aus der Wehrmachtzeit. Stroh zum Schlafen besorgten
wir uns
bei den Bauern.
Zur
Winterzeit fuhren wir zum Schilaufen mit der „Böscheme Bimmelbahn“
von Bad Neustadt nach Bischofsheim in der Rhön. Zu Fuß und mit den
Skiern auf den Schultern ging es durch Haselbach bis hoch zum Kreuzberg
zum bekannten „Blick“. Auf
der Abfahrt durch die
„Fischzucht“ waren wir bekannt als
„Die Wildsäue von der Rhön“.
Fritz und ich spielten gerne
in der Niederläurer Tischtennismannschaft die nach dem Krieg gegründet
wurde. Bei der Kreismeisterschaft spielten wir im Einzel und Doppel
zusammen.
Der Fußballplatz in Niederlauer wurde ca. 1950 erweitert.
Er war damals so klein, dass sogar beim Einwurf der Ball mitunter ins
Tor ging.
Dazu wurde eine ca. 800 Jahre alte Eiche (sie wurde Adolf Hitler-Eiche genannt) von den
Amerikanern mit Panzerminen gesprengt.
Freiwillige Helfer, klar war ich auch dabei, arbeiteten an der
Platzvergrößerung mit den einfachsten Hilfsmitteln. Mit Schubkarren
wurde das Erdreich abgetragen. Baumaschinen gab’s seinerzeit nicht.
Zum
Einweihungsfest spielte die Oberliga Mannschaft des
1.FC-Schweinfurt 05 gegen den VfL Bad-Neustadt.
Dazu spielte die Musikkapelle von Niederlauer, in der auch ich
mitspielte.
In
dieser Kapelle spielte ich bei Kirchenmusik die Trompete und wenn die
Tanzmusik spielte, dann saß ich am Schlagzeug. Den „Takt“ dafür
den hatte ich
ja noch aus meiner Zeit als ich in der Hitlerjugend im Spielmannszug
spielte.
Auch eine kleine Tanzkapelle mit 5 Mann gesellte sich nach dem Krieg dazu in der ich der
Schlagzeuger war.
Ein Schlagzeug kaufen war seinerzeit nicht möglich, so halfen wir uns
selbst. Die Tretmaschine, die Triangel und der Jazzbesen hat mein
Schwager Anton als Werkzeugmacher hergestellt. Ich selbst die Gestelle für
die Trommeln und anderes Zubehör.
Es waren ja noch die Jahre vor der Währungsreform in denen es einfach
nichts zu kaufen gab.
Kurze Zeit war ich auch Mitglied als Schlagzeuger in einem Orchester in
Bad-Neustadt. Leider bin ich dann beruflich ins Rheinland gezogen. Nun
konnte ich keine Musik mehr spielen, deswegen war ich sehr traurig.
Die
Dorfkinder in Niederlauer konnten alle nicht schwimmen als ich nach
Niederlauer kam. Mit der Zeit lernte ich meinen Mitschülern und auch
den älteren Jungen in der "Fränkische Saale" das
Schwimmen.
In meiner KLV-Lagerzeit 1944 in Oberlohrgrund wurde ich in Würzburg
Gaumeister im 100 m Brustschwimmen.
Auch in Bad-Neustadt bei den Kreismeisterschaften 1947 über 100 m Brust war
ich erfolgreich.
Im Bad-Neustädter Freischwimmbad war ich in meiner Freizeit
Rettungsschwimmer bei der Wasserwacht.
1947
bekam ich auf Bezugschein meinen ersten Anzug und meine
ersten guten Schuhe. Leider waren mir der Anzug und die Schuhe viel zu
groß. (siehe Foto mit meiner Schwester). Das Geschäft in Bad- Neustadt
hatte damals nur einen Anzug zur Auswahl.
Kaum war die Währungs-Reform vorbei, da konnte man in den Geschäften
alles kaufen, was das Herz begehrte, auch Anzüge hingen zur Auswahl am
Haken. "Ein Schelm der dabei an "Schlechtes"
dachte..."
Leider
hatte man nach der Währung kein Geld. Jeder Bürger hatte als
Startkapital nur 40,- DM auf die Hand bekommen.
Obwohl
wir in all den vielen Jahren nur die einfachsten Grundnahrungsmittel zu
essen bekamen, wurden wir dennoch „groß und stark“ und haben unsere
Leistung in unserem Leben gebracht.
Aus meiner heutigen Sichtweite wurde es mir zu dieser Zeit schwer
gemacht ein ordentliches Selbstbewusstsein aufzubauen. In der
Hitlerjugend wurde man gedrillt, in der Schule geschlagen und in der
Lehre unterdrückt. Dazu kamen noch die Geschehnisse bei den
Bombenangriffen.
Es dauerte einige Jahre bis ich mich von all diesen Erlebnissen befreien
konnte.
In
meinem Gedächtnis sind sie aber geblieben.
1954 heiratete ich in Duisburg Lieselotte,
unsere Tochter heißt Diane.
Eine
Begebenheit sei noch erwähnenswert:
Als ich 1967 von Duisburg aus meine Eltern in Niederlauer besuchte, lag mein
Vater in Bad-Kissingen im Krankenhaus. Ich besuchte ihn am Krankenbett
und am selben Abend verstarb mein Vater mit 74 Jahren.
1991 besuchte ich meine Mutter dieses Mal von Krefeld kommend. Sie lag
im Bett, machte die Augen auf und nickte mir zu. Eine Stunde später war
sie tot, 98 Jahre alt ist sie geworden.
Ich bekam den Eindruck, beide warteten nur darauf mich noch einmal zu
sehen.
Zitat:
„80“ ist… als wenn man einen der größten Berge im Himalaja
besteigt,
man weis nicht wann und ob man überhaupt hoch kommt. (sagt
meine Erfahrung)
Hat man aber den beschwerlichen Gipfel erreicht, kommt kein Glücksgefühl
auf wie in den Bergen denn… „Der Abstieg“ könnte noch
beschwerlicher sein als der Aufstieg…
(Ist nicht von Schiller und nicht von Goethe,
sondern vom Rudi)
Lieb
gewonnene Orte können wir wieder aufsuchen...
lieb gewonnene Zeiten entfernen sich von Jahr zu Jahr
Stationen
von meinem späteren Arbeitsleben:
Bad - Neustadt/Saale 5 Jahre
Stuttgart - Leinfelden 1 Jahr
Stuttgart - Zuffenhausen 1 Jahr
Forbach im Schwarzwald 1 Jahr
Frankfurt 1 Jahr
Duisburg 18 Jahre
Oberstdorf 1 Jahr
Krefeld 18 Jahre bis zu meinem Ruhestand
Die
Idee, meine Erlebnisse aus dieser Zeit nieder zu schreiben, hatte ich an
meinem Caravan.
Campingplatz Sulzfeld, den 24. April 2009
Die
Vergangenheit holt mich ein:
2010 habe ich durch Zufall Kontakt
bekommen mit meiner 10 Jahre jüngeren Cousine Armella
mütterlicherseits,
die einen Amerikaner geheiratet hat und in Amerika wohnt.
Obwohl ich ihr mehrfach geschrieben habe, bekam ich bis heute keine
Antwort.
Ein Jahr später erfuhr ich von meiner zweiten Cousine aus Deutschland,
dass Armella meine "Kriegsjahre" gelesen hat.
Und weil ich als Kind beim "Deutschen Jungvolk" (DJ) war,
meint meine Cousine und ihr Mann ich wäre ein "Nazi", deshalb
bekomme ich keine Antwort.
Es sind doch alle Kinder ab 10 Jahren im "Deutschen Jungvolk"
eingegliedert worden.
Darüber bin ich sehr traurig.
Meine
Bergtouren: www.MountainRudi.de
Meine Bildhauerei: www.KreativmitHolz.de
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